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Am Ende der Straße

Meiner Mutter zum 70. Geburtstag

Am Ende des alten Dorfes
enden die Straßen im Nichts.
Eine Reihe schwacher Laternen,
dazwischen das Ende des Lichts.

Durch Brokstedt fahren die Züge
schneller als anderswo.
Im Juli schien zweimal die Sonne,
die Bauern ernten das Stroh.

Da drüben liegen die Toten,
gleich hinter dem lauten Tor.
Zwischen den spitzen Büschen,
Sieht ein hölzerner Jesus hervor.

Nun hängt er im Steinburger Regen,
Golgota war warm und hell.
Zwei Frauen haken die Gräber,
ich höre Hundegebell.

Ein grauer Himmel steht leise,
die meisten Menschen sind alt.
Es fallen die nassen Blätter,
und meine Hände sind kalt.

Zwei Augen auf einem Fahrrad
kommen schweigend auf mich zu.
Die Fenster spiegeln die Leere,
und irgendwo muht eine Kuh.

Ich taste mich langsam weiter,
ein toter Dichter weist den Weg.
Der Nebel wird immer stärker,
ein Auto parkt etwas schräg.

Die Mütter werden älter,
alle Kinder sagen adé.
Und kommen sie einmal wieder,
waten sie durch matschigen Schnee.

Am Ende der Straße der Anfang,
gleich hinter dem roten Haus.
Da ist die Wärme, die Sonne –
und ihr Licht geht niemals aus.

 

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Die alten Kinder springen über ihre Dörfer

Die alten Kinder springen über ihre Dörfer. Sie tragen Horizonte in ihren Händen und halten sich an ihnen fest. Ihre Wege sind noch frisch und die Welt liegt gehüllt in tausend Lichter. So ziehen sie weiter, immerfort, durch Tag und Nacht und Tag und Nacht. Alles kreist um die Kinder, und die Kinder kreisen mit. Halberschöpft stoßen sie dann auf ihre alten Spuren. Alle Menschen kehren heim. Hier sieht man sie am Fenster sitzen. Entträumter Blick zum Horizont.

Joseph Heydendahl: Winterabend bei einem holländischen Dorf

Joseph Heydendahl – Winterabend bei einem holländischen Dorf

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Verwachsen

Mein Weg geht durch eine Stadt. Die schmalen Häuser haben keine Türen und sind über den Weg gebeugt. Sie sind so schmal, dass ich mich frage, wie man in ihnen leben kann. Keines berührt das andere und nur in ihrer Höhe sind sie voneinander zu unterscheiden. Es ist menschenleer. Dann, auf einmal, kommt mir ein Mann auf Stelzen entgegen. Er trägt ein buntes Kostüm und wirkt glücklich. Sein Gesicht trägt keine Falten, und doch erscheint er mir sehr alt.
Weiter gehe ich zwischen den sonderbaren Häusern entlang, die sich nun über mir berühren. Dann wird es dunkel und wieder hell und ich finde mich auf Stelzen wieder und trage ein buntes Kostüm. Ich frage mich, ob es sich um die Stelzen und das Kostüm des Mannes handelt.
Ich muss mich jetzt beeilen, nach Hause zu kommen. Mit den Stelzen, so denke ich, ist der Weg schnell zurückgelegt. Ich lächle. Schon mit den ersten Schritten wird mir jedoch bewusst, dass mir das Laufen auf Stelzen große Schwierigkeiten bereitet. Größte Aufmerksamkeit muss ich darauf verwenden, nicht umzufallen. Immer wieder muss ich mich an den Häusern festhalten, um nicht in die Tiefe zu fallen.
Der Weg führt mich aus der Stadt hinaus in eine ländliche Gegend. Hier überkommt mich bald die Angst, noch einmal das Gleichgewicht zu verlieren, denn da sind keine Häuer mehr, an denen ich mich festhalten könnte. So beschließe ich, den Rest des Weges ohne Stelzen zurückzulegen.
An einen Baum gestützt ziehe ich ein Hosenbein des buntkarierten Kostüms hoch, um die erste Stelze zu lösen. Doch zu meinem Schrecken muss ich feststellen, dass die Stelzen fest mit meinen Beinen verwachsen sind. So sehr ich mich auch bemühe, es gelingt mir nicht, mich von ihnen zu trennen. Ich beschließe weiterzugehen und mir zu Hause zu überlegen, wie ich sie loswerde.
Doch kaum löse ich mich vom Baum, drohe ich, nach vorn umzukippen. Nur mit großer Anstrengung kann ich mein Gewicht nach hinten verlagern und den Sturz durch ein Festklammern am Baum verhindern. Ich unternehme einen neuen Versuch, doch wieder kann ich mich nur wenige Sekunden auf den Stelzen halten. Um Kräfte und Konzentration zu sammeln, lege ich eine kurze Pause ein, doch auch der anschließende Gehversuch scheitert. Mir ist kalt und es wird dunkel. Noch einmal, ein letzter Versuch! Doch nun kann ich mich überhaupt nicht mehr bewegen. Meine Beine sind mit dem Baum verwachsen.

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