Schlagwort-Archive: Biedermeier

Der Nachsommer

Adalbert Stifters Der Nachsommer aus dem Jahre 1857 zählt zu meinen Lieblingsbüchern. Viele bezeichnen es als eines der langweiligsten und biedersten Werke der Weltliteratur, so zum Beispiel Friedrich Hebbel: „Drei starke Bände! Wir glauben Nichts zu riskieren, wenn wir Demjenigen, der beweisen kann, daß er sie ausgelesen hat, ohne als Kunstrichter dazu verpflichtet zu sein, die Krone von Polen versprechen.“
In der Tat. Es passiert nicht viel. Nach inneren und äußeren Konflikten, unerwarteten Wendungen und Überraschungen jedweder Art sucht man in dem rund 700 Seiten starken Werk vergebens. Selbst ein Spannungsbogen existiert im Grunde nicht. Bereits nach wenigen Seiten kann der Leser den weiteren Handlungsverlauf erahnen – und er wird  nicht enttäuscht.
Nun klingen die bisherigen Anmerkungen vielmehr wie eine Empfehlung, um den Nachsommer einen großen Bogen zu machen. Was also spricht fuer eine Lektüre?

In meinen Augen liegt gerade in dieser Ereignislosigkeit eine ungewöhnliche Radikalität, die auf der eigentlichen Handlungsebene jedoch nur sehr indirekt erkennbar ist. Mir gefällt darüber hinaus die von Stifter erzeugte Doppelbödigkeit. Unter aller Ordnung und Harmonie scheint immer wieder das Chaos hindurch und nur mit größtem, mitunter an Lächerlichkeit grenzenden Aufwand gelingt es den Figuren, dieses höchst artifizielle Glück zu konservieren. Die Natur wird kategorisiert und katalogisiert. Keine Pflanze kommt ohne Namensschild aus (das Unbenannte ist das Unbekannte!) und im Inneren des Hauses befinden sich gewaltige Sammlungen von Gesteinen und Hölzern, in denen die natuerlichen Artefakte isoliert warden. Dies sind nur einige wenige Beispiele fuer den zwanghaften Versuch, Kontrolle über das Unkontrollierbare zu erlangen. Die Handlung selbst ist ein Symptom dieses Versuches.

„Endlich trifft ja die Gewächse wie alles Lebende der natürliche Tod. Kranke Pflanzen werden nun bei uns sogleich ausgehoben, in den Garten, gleichsam in das Rosenhospital gethan, und durch andere aus der Schule ersezt. Abgestorbene Bäumchen kommen hier nicht leicht vor, weil sie schon in der Zeit des Absterbens weggetan werden. Tödtet aber eine Ursache eines schnell, so wird es ohne Verzug entfernt. Eben so werden Theile, die erkranken oder zu Grunde gehen, von dem Gitter getrennt. Die beste Zeit ist der Frühling, wo die Zweige blos liegen. Da werden Winkelleitern, die uns den Zugang zu allen Theilen gestatten, angelegt, und es wird das ganze Gitter untersucht. Man reinigt die Rinde,
pflegt sie, verbindet ihre Wunden, knüpft die Zweige an, und schneidet das Untaugliche weg. Aber auch im Sommer entfernen wir gleich jedes fehlerhafte Blatt und jede unvollständige Blume.“

Habt ihr den Nachsommer gelesen? Ich bin auf euer Urteil gespannt.

64888_451484664919971_1486466976_n.jpg

Illustration zu: Adalbert Stifter – Der Nachsommer, 1857

Getaggt mit , , , , , ,