Archiv für den Monat Oktober 2012

Trivial

Ich erinnere mich noch. An die Fahrt auf einem Weg nach draußen. Allein mit Blick auf das Land. Allein mit Blick auf Dich. Wie habe ich Dich geliebt, als ich hinter diesem Bild stand. Noch allein, wie zuvor den ganzen Tag. Saß ich dann am großen See, der das Schloss umgab. Die große Stille, die Deinen Schoß umgab. Wie habe ich mich gesehnt und sehne ich mich noch heute. Nach Dir, nach uns. Wie wäre das schön, und unseren Herzschlag zu spüren, tief in allem, wie er sich versteckt. Oft habe ich mich vor Dir versteckt und wütend hast Du mich dann gesucht, zwischen uns eine Tür und ein gemeinsamer Wunsch: Ruhe und Erfüllung. Nun bist Du getrennt und nun bin ich getrennt, doch die Schatten an der Wand sind immer noch die selben, und wenn der Wind Abends durch die Bäume streicht, dann sieht das noch genauso aus wie damals, wie damals, als wir noch zusammen waren. Manchmal habe ich dabei sogar noch das selbe Gefühl, das ich hatte, mit Dir. Dann kommt es mir so vor, als würde ich mich gleich auf den Weg machen, den alten Weg, zurück zu unserer Tür, wir dahinter und auf der anderen Seite der Rest. Unterwegs würde ich dann ein paar Blätter sehen, die die Bäume verloren haben. Die Bäume verlieren ihre Blätter in jedem Herbst und der Regen macht nass und ich wische mir Tränen aus dem Gesicht. Du lächelst mich an und es ist wie in Zeitlupe und am Ende des Lächelns frierst Du ein und alles verblasst und verdunkelt sich wieder. Dann ist man wieder ganz allein in seiner Zukunft – wie es damals hieß.
An allem hängt Erinnerung. Ich habe dieses Bild damals für Dich gemacht, Du hast mich darum gebeten, und nun blicke ich auf dieses Porzellan, das Dir etwas ganz anderes sagt als mir.

Getaggt mit , , , , , , , , , , ,

Aber das ist doch auch Leben


Die Leute fragen sich, wie schrecklich es wohl ist, in einem Flugzeug zu sitzen, das von Terroristen entführt wird. Sie fragen sich, wie es sich anfühlt, da drin zu sitzen, im Angesicht des Todes und woran man denkt, kurz bevor es vorbei ist. Die einen verlieren die Kontrolle über sich selbst und schreien und weinen um ihr Leben. Andere versuchen, ruhig zu bleiben und verlieren trotz aller Angst bis zuletzt nicht ihre Hoffnung. Wir haben Mitgefühl, mit diesen armen Menschen.
Doch wenn die Leute an einer roten Ampel hinter einem Tiertransporter stehen, wechseln sie den Radiosender oder schreiben schnell eine SMS, in der sie sich mit einer Freundin zum Kino verabreden. Doch sie stellen keine Fragen.
Aber das ist doch auch Leben. Auch diese Tiere sind unschuldig und wären lieber ganz woanders. Bei ihren Angehörigen, auf einer grünen Wiese, in Sicherheit. Sie alle wollen lieber leben als sterben, daran besteht kein Zweifel.
Warum fragen sich die Leute nicht, was diese armen Tiere denken und fühlen, auf ihrem Weg in den Tod? Die einen schreien in Todesangst und suchen einen Weg nach draußen. Andere können ihre Beine nicht mehr kontrollieren und liegen hilflos auf dem Boden, der voller Kot und Urin ist. Tränen rollen über ihre Wangen. Ich habe das alles gesehen, es ist unvorstellbar.
Warum interessieren die Leute sich nicht dafür? Vielleicht ist es ihnen egal. So egal wie den Terroristen das Leben ihrer Opfer ist. Es geht schließlich um den höheren Zweck und der Zweck heiligt die Mittel. Heiliger Krieg und Fleisch auf dem Teller – für die Leute Grund genug, weniger sentimental zu sein. Und jeder neigt dazu, sich eher mit Opfern als mit Tätern zu identifizieren. Auf diese Weise muss man sich keine unangenehmen Fragen stellen und auch nicht an seinen Gewohnheiten rütteln.

Getaggt mit , , , , , , , , , , ,

Torso

Am Ende schwacher Tage liegt mein Körper ohne Schlaf
Wie Augen ohne Lider starren Träume in das Nichts
Entstellte Jahre und Vergessen
kratzen lautlos durch das Hirn

Ich lege den Stift zur Seite. Da ist es schon wieder, dieses Schwindelgefühl und ich kann mich nicht konzentrieren. Das sind die Pillen, die verdammten kleinen Dinger. Ich schreib das Gedicht später zuende.
Die Wände sehen alle so gleich aus. Alles weiß und kahl. Das kann auch das Blumenbild da drüben nicht verstecken. Ich wette, das hängt hier in jedem Zimmer! Na, wenn schon. Wir unterscheiden uns ja auch kaum noch voneinander. Jeder liegt hier in seiner Angst und denkt: Ich will noch nicht! Aber das ist kein Argument, das weiß ich.
Und dieses schrecklich grelle Licht. Vor dem kannst du dich nicht verstecken, keine Chance. Selbst mit geschlossenen Augen siehst du es noch ganz deutlich.
Da drüben ist ein großes Fenster, doch davor hängt meist ein schwerer weißer Vorhang. So weiß wie alles hier im Raum. Auch das Laken, das mir schon bis übers Kinn gezogen ist, ist weiß.
Zwischen Tagen und Nächten gibt es hier keinen Unterschied. Wie spät es wohl ist? Ich bin müde, aber ich will nicht. Schlaf ist Tod, habe ich immer schon gesagt.

[Ein Traum:]
Ich erwache zwischen sechs weißen Wänden. Da ist kein Fenster und da ist keine Tür. Alles ist verschwunden, selbst mein Bett ist nicht mehr da. Nur das weiße Laken und ein kleines Kissen sind mir geblieben. Über mir ist noch das grelle Licht. Ich möchte meine Augen schließen, doch sie sind schon geschlossen. Schwer atme ich durch mein Laken, das mir bis unter die Augen reicht. Dann ist es soweit: Mit jedem Atemzug wird das grelle Licht schwächer und mit jedem Atemzug bewegen sich die Wände ein Stück aufeinander zu. Stumm liege ich da und kann mich nicht rühren. Als die Wände mich fast erreicht haben, bleiben sie stehen. Ich liege in der Dunkelheit und habe aufgehört zu atmen.

Getaggt mit , , , , , , , , , , ,

Prozession

Meine Erinnerung an Dich ist aus dünnem Glas –
Jeden Tag trage ich es vor mir her,
sehe die Welt durch Dich hindurch –
Immer langsam, nur auf unseren alten Wegen.

Mein Leben ist die Angst, uns zu zerbrechen.
Ich halte Dich ganz fest und manchmal
schneidet Dein Glas mir in die Hände.
Dann wird alles rot – ich bleibe stehen.

So gehen die Tage in die Nächte –
ich lege meinen Kopf aufs kalte Glas,
in dem sich fern die Sterne spiegeln.

Image
Getaggt mit , , , , , , , , , , ,

Hit-Gedicht

Ich möchte durch mein Gedicht berühmt werden.
Doch die Konkurrenz ist so groß.
Daher will ich auf Nummer sicher gehen
und alles genau durchkalkulieren:

Das ideale Lied ist 3 Minuten 20 Sekunden lang.
Beim Gedicht sind drei Strophen gut.
Nicht zu lang und nicht zu kurz.
Man möchte nicht unbequem werden!

Die Worte klar und höchstens verbrauchte Metaphern.
Der Gegenstand alltäglich:
Liebe, Schmerz, Blumen oder so.
Und alles muss sich reimen und die Menschen wie ein Ohrwurm einschleimen.

Getaggt mit , , , , , , , , , , ,

Schneewittchen verweste nicht

Image
Schneewittchen starb an einer Vergiftung. Drei Tage lang war sie tot, ehe der Prinz sie mit seinem Kuss wieder lebendig küsste. Im Märchen heißt es, sie sei in diesen drei Tagen nicht verwest. Das kann ich nicht glauben. Ich bin mir sicher, dass ihr Körper von Totenflecken übersät war. Das Herz pumpte ja das Blut nicht mehr. Durch die Schwerkraft sank es dann hinab und bildete blauviolette Flecken. Die Zwerge müssen es gesehen haben, als sie sie mit Wasser und Wein wuschen. Neun Stunden nach dem Tod waren die Flecken am intensivsten. Man kann sie nicht übersehen haben, auf ihrer schneeweißen Haut.
Und der zarte Leib des armen Mädchens muss so steif gewesen sein. Die Leichenstarre (Rigor mortis) befiel zunächst die Augenlider, dann die Kiefer. Spätestens acht Stunden, nachdem sie in den Apfel biss, war dann ihr ganzer Körper steif wie ein Brett. Nach drei Tagen lässt die Leichenstarre wieder nach. Vielleicht war Schneewittchens Leiche schon wieder ein bisschen gelenkig, als der Prinz ihren Sarg öffnete. Die Starre ließ nach, weil ihre Körperzellen nun zerfielen. Diesen Vorgang nennt man Autolyse.
Fäulnis und Verwesung. Die Fäulnis beginnt im Darm, denn hier ist es warm, weich und feucht und es gibt viele Bakterien. Der rote Apfel war mittendrin. Nach außen lässt sich dieser Fäulnisprozess an der gelbgrünen Verfärbung am rechten Unterbauch erkennen. Wenig später bläht sich der Bauch auf und auf der Haut entstehen die ersten Fäulnisblasen. Gleichzeitig entstehen bei den Verwesungsprozessen Kohlenstoffdioxid, Wasser und Harnstoff. Flüssigkeiten treten aus.
Wie muss das ausgesehen haben in Schneewittchens gläsernem Sarg, als der Prinz ihre blaubleichen Lippen küsste…

Getaggt mit , , , , , , , , , , ,