Parallel

Unter schwachem Licht sitzen wir an einem Tisch und trinken und reden. Ich denke: endlich. Du lächelst. Auch ich beschließe, zu lächeln. Während ich dir zuhöre, überlege ich meine nächste Antwort. Die Antworten sollen gut sein. Sie müssen mindestens einen durchschnittlichen Satz lang sein und das Gespräch weiterführen. Fragen sind gut, sie bezeugen Interesse. Nächster Punkt: Augenkontakt. Ich schaue dir in die Augen. Wenn man jemandem in die Augen sieht, dann geht der Blick zwischen dem linken und dem rechten Auge hin und her. Ich weiß, worüber du gerade sprichst und habe schon meine Erwiderung parat. Während ich dir zuhöre und in regelmäßigen Abständen zustimmend und verstehend nicke, denke ich auf einmal an meine Ex-Freundin und ich weiß nicht, warum. Eigentlich könnten wir noch zusammen sein, wenn ich nicht Schluss gemacht hätte. Lange habe ich damals überlegt. Es fiel mir schwer und es wurde nicht leichter. Dann hat sie eine Nachricht von dir gelesen, die mir nichts bedeutete. Ich hätte meiner Ex-Freundin alles erklären können – sie hätte mir geglaubt. Doch die Situation war mir zu kompliziert und wir hatten ja ohnehin Schwierigkeiten. Dann habe ich mich getrennt und weil ich nicht allein sein wollte, habe ich versucht, dich davon zu überzeugen, dass ich ein guter Mensch sei. „Hast Du dich damals auch noch woanders beworben oder warst Du Dir sicher, dass Du die Stelle bekommst?“. Das ist meine vorbereitete Antwort. Nun bist du wieder dran und ich denke darüber nach, ob ich für meine damalige Freundin nicht mehr empfunden habe, beim ersten Gegenübersitzen und Alkohol trinken, meine ich. Denn man kann nur die selben Abschnitte miteinander vergleichen. Später stirbt die Euphorie und das Neue wird alt und die Bereitschaft zur Toleranz nimmt ab und Probleme entstehen. Dann heißt es kämpfen oder aufgeben. „Ich liebe Dich nicht mehr“ war meine weiße Fahne und dann überreichte ich mich dir als unbeschriebenes Blatt. Wenn ich mit dir rede, liegt meine Wahrheit zwischen Auslassung, Humor und Beschönigung versteckt. Aber mach dir keine Sorgen. Du wirst sie finden. Ich erzähle dir, dass ich drei Geschwister habe. Du hast gefragt. Zwei Schwestern, ein Bruder, alle älter als ich. Ob das schwierig war? Ja oder Nein und dann ein Satz, der alles erklärt. „Und Du?“. Du erzählst es mir und sagst mir dann, dass du gleich wieder da bist und verschwindest in Richtung Toilette. Zwischenbilanz: Freitagabend. Ich habe mir keine Fehler erlaubt. Sie auch nicht. Wir machen alles richtig. Bald werden wir zu mir nach Hause gehen. Ich habe aufgeräumt. Sie schaut sich ein paar Sachen in meiner Wohnung an und stellt Fragen. Ich antworte. Wir sitzen dann auf dem Sofa und trinken ein Glas Wein. Unsere Zungen berühren sich in unseren Mündern. Wir atmen schnell und ziehen uns aus. Im Bett schlafen wir miteinander. Unter schwachem Licht.

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2 Gedanken zu „Parallel

  1. Eine Prosa von unfassbarer Güte und Klarheit! Ich beglückwünsche dich zu dieser famosen Gabe und hoffe, dass du sie weiterhin zum Wohle der Kunst einsetzen wirst.
    Vargas Llosa sagte, es gäbe kein gutes oder schlechtes Thema, – allein die Verbindung von Inhalt und Form sei entscheidend, die Aufrichtigkeit der Prosa und das Abtauchen des Erzählers hinter die geschilderte Welt.

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