Archiv für den Monat September 2012

Parallel

Unter schwachem Licht sitzen wir an einem Tisch und trinken und reden. Ich denke: endlich. Du lächelst. Auch ich beschließe, zu lächeln. Während ich dir zuhöre, überlege ich meine nächste Antwort. Die Antworten sollen gut sein. Sie müssen mindestens einen durchschnittlichen Satz lang sein und das Gespräch weiterführen. Fragen sind gut, sie bezeugen Interesse. Nächster Punkt: Augenkontakt. Ich schaue dir in die Augen. Wenn man jemandem in die Augen sieht, dann geht der Blick zwischen dem linken und dem rechten Auge hin und her. Ich weiß, worüber du gerade sprichst und habe schon meine Erwiderung parat. Während ich dir zuhöre und in regelmäßigen Abständen zustimmend und verstehend nicke, denke ich auf einmal an meine Ex-Freundin und ich weiß nicht, warum. Eigentlich könnten wir noch zusammen sein, wenn ich nicht Schluss gemacht hätte. Lange habe ich damals überlegt. Es fiel mir schwer und es wurde nicht leichter. Dann hat sie eine Nachricht von dir gelesen, die mir nichts bedeutete. Ich hätte meiner Ex-Freundin alles erklären können – sie hätte mir geglaubt. Doch die Situation war mir zu kompliziert und wir hatten ja ohnehin Schwierigkeiten. Dann habe ich mich getrennt und weil ich nicht allein sein wollte, habe ich versucht, dich davon zu überzeugen, dass ich ein guter Mensch sei. „Hast Du dich damals auch noch woanders beworben oder warst Du Dir sicher, dass Du die Stelle bekommst?“. Das ist meine vorbereitete Antwort. Nun bist du wieder dran und ich denke darüber nach, ob ich für meine damalige Freundin nicht mehr empfunden habe, beim ersten Gegenübersitzen und Alkohol trinken, meine ich. Denn man kann nur die selben Abschnitte miteinander vergleichen. Später stirbt die Euphorie und das Neue wird alt und die Bereitschaft zur Toleranz nimmt ab und Probleme entstehen. Dann heißt es kämpfen oder aufgeben. „Ich liebe Dich nicht mehr“ war meine weiße Fahne und dann überreichte ich mich dir als unbeschriebenes Blatt. Wenn ich mit dir rede, liegt meine Wahrheit zwischen Auslassung, Humor und Beschönigung versteckt. Aber mach dir keine Sorgen. Du wirst sie finden. Ich erzähle dir, dass ich drei Geschwister habe. Du hast gefragt. Zwei Schwestern, ein Bruder, alle älter als ich. Ob das schwierig war? Ja oder Nein und dann ein Satz, der alles erklärt. „Und Du?“. Du erzählst es mir und sagst mir dann, dass du gleich wieder da bist und verschwindest in Richtung Toilette. Zwischenbilanz: Freitagabend. Ich habe mir keine Fehler erlaubt. Sie auch nicht. Wir machen alles richtig. Bald werden wir zu mir nach Hause gehen. Ich habe aufgeräumt. Sie schaut sich ein paar Sachen in meiner Wohnung an und stellt Fragen. Ich antworte. Wir sitzen dann auf dem Sofa und trinken ein Glas Wein. Unsere Zungen berühren sich in unseren Mündern. Wir atmen schnell und ziehen uns aus. Im Bett schlafen wir miteinander. Unter schwachem Licht.

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Mein Schmerz

Wie kann ich über den Schmerz schreiben, ohne das Wort „Schmerz“ zu verwenden? Und wo soll ich beginnen? Vielleicht erst ein positives Gegenbild entwerfen, das durch die Wahl der Vergangenheitsform schon darauf hindeutet, dass es nun vorbei ist. Oder ich beginne gleich mitten in der Misere und leite ein mit „Ich kann nicht mehr“, „Ich will nicht mehr“. Das wäre sehr direkt und hat den Vorteil, dass jeder gleich versteht, worum es geht. Anschließend führe ich den Leser durch einen „dunklen Tunnel“, der auch wörtlich so genannt werden will. Nicht vergessen sollte ich meine „Seele“, die sich hervorrangend mit klassischen Attributen wie „Angst“ oder „Qual“ kombinieren ließe. Möglicherweise „blutet“ diese „Seele“ sogar. Da ist auch niemand, der mir „die Hand reicht“ und mich aus dem „schwarzen, dunklen Nichts“ rettet, denn ich bin „einsam“ und „allein“. Es war aber auch noch nicht genug Blut im Text. Eine „blutende Träne“ oder eine „Träne aus Blut“ könnte mir über die Wange laufen. Ja! Das verrät jedem, wie traurig ich bin und wie groß mein Schmerz ist. Das aber bringt mich wieder auf meine eingangs gestellte Frage. Diese Frage ist mein Schmerz. Diese Frage ist mein Ende.

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Geknickte Bilder

Geknickte Bilder
Falten der Zeit
Du trägst sie noch bei dir
bist immer bereit –

bereit für die Reise
die Flucht, einmal mehr –
doch die Wege sind brüchig
die Ziele sind leer

Geknickte Bilder
Falten der Zeit
Die Farben verblassen –
und du wirst alt.

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Menschenklappern

Die Augen traumlos offen
Hören Menschenklappern wie von weit
Durch Wand und Laken tief verrauscht
Schallgestalten flimmern schattig
Werfen Lichter schwer durch Glas
Und ihre dunklen Glieder hallen
Nachtwärts ein und aus

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Formung

anfang denken
wege wenden
weisen kreisen
lenken schwenken
fallen steigen
gehen bleiben
fließen klettern
und verzweigen

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Wurzelwerk

Wir sind zwei Bäume, die eng beisammen wuchsen. Unsere Äste wiegen sich im selben Wind, doch sie berühren sich nicht mehr.
Ja, wir sehen es nicht, doch spüren es: Unter der Oberfläche sind wir noch eng verbunden. Tief und weit reichen die Wurzeln jener Jahre. Umschlungen und gewunden sind wir hier unten eins.
Was sollen wir tun, wollen wir die alten Wurzeln kappen? Doch ziehen wir aus ihnen nicht noch immer die Kraft für unser Leben?

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Umrandung

Ich liege im Schatten einer Stadt
und denke Echos in die Nacht.
Dicht trage ich meinen Halbkreis
am Ufer entlang.
Das Auge immer fern
durch wogende Köpfe aus Glas,
wo am Horizont
in Fetzen kommt
ein alter Tag.

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