Friedrich der Große

Luxus treibt den Menschen zu keiner Tugend an – er erstickt meist alle besseren Gefühle in ihm.

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Wilhelm Raabe

Die ewige Illusion, dass das Leben noch vor einem liege. Das Leben liegt immer hinter einem.

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Verlorene Worte

Nach all den Jahren ohne dich stehe ich noch immer ratlos vor meiner Erinnerung. Sie ist still geworden. Was bleibt sind ein paar vereinzelte Worte, vielleicht ein ganzer Satz. Dabei lag damals doch so viel Gewicht auf den Worten. Stundenlange Gespräche, über uns und unsere Zukunft, die nie war. Deine Worte sind verstummt und für immer verloren.
Doch du bist in Gedanken noch bei mir. Ich sehe dein Gesicht von der Seite. Dein gesenkter Blick, während du mit deinen Lippen lautlose Worte formst, bis du dann auf einmal zu mir aufsiehst, mir erst ins eine und dann ins andere Auge blickend. Deine leicht hochgezogene Augenbraue kündigt ein Lächeln an – und da ist es auch schon! Ganz leicht, und schüchtern, doch so ewigkeitsschwer.
Ich habe deine Stimme schon vor vielen Jahren verloren. Wie sie wohl klang?
Wir stehen auf einer Brücke und dein Atem steigt in einen kalten Wintermorgen.
Du hast mich einmal zum Bahnhof gebracht und ich habe gesagt, es läge an dir, was aus uns wird und du hast mich gefragt, was ich damit meinte. Ich weiss es nicht mehr. Doch wir sitzen noch immer im Auto, auf dem leeren Parkplatz und warten.
Ein Spaziergang durch einen Wald. Alles ist in ein warmes Licht getaucht. Wir lachen viel. Worüber? An einer Weggabelung bleiben wir stehen und umarmen uns. Ich rieche dein Haar. Jeder Wald riecht nun danach.
Wir sind in deiner alten Wohnung und streiten. Es wird laut und irgendwann laufe ich davon. Doch jetzt ist alles still. Ich streiche dir die Tränen aus dem Gesicht und halte dich in meinen leeren Händen.
Die Erinnerung lässt mich nicht los und ich versuche, sie in Worte zu fassen, obwohl es darauf doch gar nicht ankommt.

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August Stramm – Feuertaufe

Dichter: August Stramm
Gedicht: Feuertaufe
Entstehungsjahr: 1914/15
Gedichtband: Tropfblut
Vertonung: Leitmotivation

Der Körper schrumpft den weiten Rock
Der Kopf verkriecht die Beine
Erschrecken
Würgt die Flinte
Ängste
Knattern
Knattern schrillen
Knattern hieben
Knattern stolpern
Knattern
Übertaumeln
Gelle
Wut.
Der Blick
Spitzt
Zisch
Die Hände spannen Klaren.
Das Trotzen ladet.
Wollen äugt
Und
Stahler Blick
Schnellt
Streck
Das
Schicksal.

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Gottfried Benn: Reisen

Meinen Sie Zürich zum Beispiel
sei eine tiefere Stadt,
wo man Wunder und Weihen
immer als Inhalt hat?

Meinen Sie, aus Habana,
weiß und hibiskusrot,
bräche ein ewiges Manna
für Ihre Wüstennot?

Bahnhofstraßen und Rueen,
Boulevards, Lidos, Laan –
selbst auf den Fifth Avenueen
fällt Sie die Leere an –

ach, vergeblich das Fahren!
Spät erst erfahren Sie sich:
bleiben und stille bewahren
das sich umgrenzende Ich.

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Der Friedhof ist ein Trümmerfeld

Der Friedhof ist ein Trümmerfeld. Särge und Leichen liegen verstreut. Sie sind noch einmal getötet worden.

Erich Maria Remarque, Im Westen nichts Neues, 1929

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True places

It is not down in any map; true places never are.

Herman Melville, Moby Dick, 1851

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Der Nachsommer

Adalbert Stifters Der Nachsommer aus dem Jahre 1857 zählt zu meinen Lieblingsbüchern. Viele bezeichnen es als eines der langweiligsten und biedersten Werke der Weltliteratur, so zum Beispiel Friedrich Hebbel: „Drei starke Bände! Wir glauben Nichts zu riskieren, wenn wir Demjenigen, der beweisen kann, daß er sie ausgelesen hat, ohne als Kunstrichter dazu verpflichtet zu sein, die Krone von Polen versprechen.“
In der Tat. Es passiert nicht viel. Nach inneren und äußeren Konflikten, unerwarteten Wendungen und Überraschungen jedweder Art sucht man in dem rund 700 Seiten starken Werk vergebens. Selbst ein Spannungsbogen existiert im Grunde nicht. Bereits nach wenigen Seiten kann der Leser den weiteren Handlungsverlauf erahnen – und er wird  nicht enttäuscht.
Nun klingen die bisherigen Anmerkungen vielmehr wie eine Empfehlung, um den Nachsommer einen großen Bogen zu machen. Was also spricht fuer eine Lektüre?

In meinen Augen liegt gerade in dieser Ereignislosigkeit eine ungewöhnliche Radikalität, die auf der eigentlichen Handlungsebene jedoch nur sehr indirekt erkennbar ist. Mir gefällt darüber hinaus die von Stifter erzeugte Doppelbödigkeit. Unter aller Ordnung und Harmonie scheint immer wieder das Chaos hindurch und nur mit größtem, mitunter an Lächerlichkeit grenzenden Aufwand gelingt es den Figuren, dieses höchst artifizielle Glück zu konservieren. Die Natur wird kategorisiert und katalogisiert. Keine Pflanze kommt ohne Namensschild aus (das Unbenannte ist das Unbekannte!) und im Inneren des Hauses befinden sich gewaltige Sammlungen von Gesteinen und Hölzern, in denen die natuerlichen Artefakte isoliert warden. Dies sind nur einige wenige Beispiele fuer den zwanghaften Versuch, Kontrolle über das Unkontrollierbare zu erlangen. Die Handlung selbst ist ein Symptom dieses Versuches.

„Endlich trifft ja die Gewächse wie alles Lebende der natürliche Tod. Kranke Pflanzen werden nun bei uns sogleich ausgehoben, in den Garten, gleichsam in das Rosenhospital gethan, und durch andere aus der Schule ersezt. Abgestorbene Bäumchen kommen hier nicht leicht vor, weil sie schon in der Zeit des Absterbens weggetan werden. Tödtet aber eine Ursache eines schnell, so wird es ohne Verzug entfernt. Eben so werden Theile, die erkranken oder zu Grunde gehen, von dem Gitter getrennt. Die beste Zeit ist der Frühling, wo die Zweige blos liegen. Da werden Winkelleitern, die uns den Zugang zu allen Theilen gestatten, angelegt, und es wird das ganze Gitter untersucht. Man reinigt die Rinde,
pflegt sie, verbindet ihre Wunden, knüpft die Zweige an, und schneidet das Untaugliche weg. Aber auch im Sommer entfernen wir gleich jedes fehlerhafte Blatt und jede unvollständige Blume.“

Habt ihr den Nachsommer gelesen? Ich bin auf euer Urteil gespannt.

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Illustration zu: Adalbert Stifter – Der Nachsommer, 1857

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Ich lerne sehen

Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wußte. Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht.

Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, 1910

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August Stramm – Urtod

Dichter: August Stramm
Gedicht: Urtod
Entstehungsjahr: 1914/15
Gedichtband: Tropfblut
Vertonung: Leitmotivation

Raum
Zeit
Raum
Wegen
Regen
Richten
Raum
Zeit
Raum
Dehnen
Einen
Mehren
Raum
Zeit
Raum
Kehren
Wehren
Recken
Raum
Zeit
Raum
Ringen
Werfen
Würgen
Raum
Zeit
Raum
Fallen
Sinken
Stürzen
Raum
Zeit
Raum
Wirbeln
Raum
Zeit
Raum
Wirren
Raum
Zeit
Raum
Flirren
Raum
Zeit
Raum
Irren
Nichts.

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